Startseite
Wer bin Ich
Stammheim inside
Wettervorhersage
Persönliches
Tageshoroskop
Millennium Falke
Beziehungen
Lustige Filmchen
Lustige Bilder
Witzige Flash-Filme
Flashfilme - Archiv
Kurznachrichten
Infothek I
Infothek II
Infothek III
Hooligans
VfB - Arena
VfB ein Leben lang
Hamburg meine Perle
VfB-Werbefilm
Gesetze
Gefahr Facebook
Knastfilme (05/11)
Filmliste (26.11.14)
Bildergalerien
Lieblingslieder
Strafvollzug
Knast-Filme
Büro-Spiele
Audiothek
Videothek I
Videothek II
Temporales
Lieblings-Links
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Members only!
     
 

Und das ganze Netz sieht zu

Früher gab es Dia-Abende, heute stellen stolze Eltern die Bilder ihrer Kinder ins Internet. Damit geben sie oft mehr preis, als sie wollen - und wissen.

Zu den größtmöglichen Peinlichkeiten für einen Teenager in den 90er Jahren gehörte es, sich im Schaufenster des örtlichen Fotografen auf alten Bildern wiederzufinden: zum Schulanfang mit orangener Mütze und Cordhose. Zur Kommunion mit weißem Kleid und gefalteten Händen. Das waren gefühlte 100 Minuspunkte auf der Coolness-Skala. Alle Jahre wieder hat der Dorfknipser die Bilder aufs Neue ausgestellt - bis sie irgendwann ausgebleicht waren. Endlich!

Die heute Geborenen ereilt diese Gnade der frühen Vergilbung nicht. Ihre Bilder werden auf ewig im riesigen Schaufenster des Internets ausgestellt sein - und darüber hinaus. Kürzlich etwa war das Bob-Marley-Baby auf ARD zu sehen, in "2010 - das Quiz" mit Frank Plasberg. Es ist das Video eines kleinen Jungen irgendwo in Amerika, der sich nur beruhigen lässt, indem sein Vater einen Marley-Song aufdreht. Woher die ARD das hatte? Von You Tube. Auf der Internetplattform für Videos wurde der Clip von einer halben Million Menschen geklickt.

Was der kleine Protagonist später mal dazu sagen wird, dass er es als Baby auf medialem Wege zu Bekanntheit brachte, weiß man nicht. Vielleicht wird er es lustig finden, wie er da so ulkig mit dem Kopf zu "Buffalo Soldier" wackelt. Ist ja im Grunde auch harmlos. Aber was wird David sagen, den sein Vater nach einem Zahnarztbesuch filmte, als er sich von der Narkose erholte und wie unter Drogen wirkte. 77 Millionen Menschen haben das Video "David after Dentist" schon gesehen. Ähnlich viele beobachteten einen zwei Jahre alten indonesischen Jungen beim Kettenrauchen und verfolgten, wie ein Kind seiner Mutter sagt, dass es sie nur manchmal mag - wenn sie ihm Kekse bäckt.

Kindheit im Jahr 2011 ist für viele eine Kindheit im Internet. Die sogenannten Digital Natives (Digitale Eingeborene) hinterlassen bereits Spuren im WWW, wenn sie noch gar keine Tastatur bedienen können. Schuld sind die Eltern - selbst meist Digital Immigrants (Digitale Einwanderer).

Laut einer Studie der Internetsicherheitsfirma AVG geben 71 Prozent der deutschen Eltern an, es gebe einen digitalen Fußabdruck ihres Kindes noch vor dessen zweitem Geburtstag. Gemeint sind nicht nur Videos, sondern auch Fotos, die zum Beispiel über soziale Netzwerke wie Facebook verbreitet werden. 30 Prozent der deutschen Mütter sagen in der Umfrage, sie hätten Bilder ihrer Neugeborenen ins Netz gestellt, 15 Prozent sogar Ultraschallbilder. Knapp sieben Prozent der Befragten kreieren eine eigene Online-Identität für ihren Nachwuchs: Sie legen zum Beispiel eine Mail-Adresse für ihn an. Oder der Windelträger hat gleich ein eigenes Facebook-Profil, auf dem seine Eltern - in seinem Namen - die Welt mit Bildern und Kommentaren versorgen.

Der Internetsoziologe Stephan Humer sieht darin ein "soziologisch-psychologisches Problem": Eltern leisteten "Identitätsarbeit" für ihre Kinder, indem sie im Internet ein bestimmtes Bild ihres Nachwuchses aufbauen. Dabei "schaffen es die meisten Leute im Regelfall kaum, ihr eigenes Erscheinungsbild so zu managen, dass es immer nur zu ihrem Vorteil ist", so Humer. Will heißen: Was Eltern heute von ihren Kindern ins Netz stellen, könnte in 18 Jahren für deren potenziellen Arbeitgeber interessant sein. Da muss einer gar nicht mit zwei Jahren kettenrauchen, um für den Chef unattraktiv zu werden. Wer schon als Kind Zuneigung nur nach Keksmenge verteilt, ist der vielleicht auch als Erwachsener ein egoistischer Hedonist? Und will wirklich jemand, dass der Chef sieht, wie man als Baby in der Wanne geplanscht hat?

Doch die Gefahren liegen nicht bloß im Foto an sich, sondern in den sogenannten Exif-Daten, die digitale Bilder im JPG- oder Tiff-Format

mitliefern: Zum Beispiel die Seriennummer der Kamera und die GPS-Koordinaten, wo das Wohnzimmer liegt, in dem das Foto aufgenommen wurde. "Es gibt Firmen, zum Beispiel die großen Adresshändler, für die solche Daten interessant sind", sagt Wulf Bolte von der Beratungsfirma Praemandatum, die unter anderem Eltern, Schüler und Lehrer im Umgang mit dem Internet schult. "Die schließen etwa aus der teueren Kleidung des Kindes plus Aufnahmeort, aus welchem Milieu die Familie stammt", erklärt Bolte. So können die Fotos dazu beitragen, Konsumentenprofile zu erstellen. Je mehr Rundumdaten zu einer Adresse bestehen, umso teurer kann sie an andere Firmen weiterverkauft werden.

Da nützt es auch nichts, Fotos anonym ins Netz zu stellen: "Über die biometrische Gesichtserkennung können bereits jetzt unbeschriftete Fotos mit Personen in Verbindung gebracht werden, falls diese anderswo im Netz bekannt sind", erklärt Bolte. "Man muss damit rechnen, dass diese Programme so weiterentwickelt werden, dass Kinderbilder irgendwann auch rückwirkend Erwachsenen zugeordnet werden können."

Um die Sorglosigkeit zu beobachten, mit der Eltern ihre Kinder einer unüberschaubaren Internetöffentlichkeit preisgeben, muss man sich nur unter den eigenen Facebook-Kontakten umsehen. Reflektierte Menschen, die sonst jede Kundenkarte ablehnen und gegen Google-Street View sind, veröffentlichen Babys ersten Wickelspaß, stecken ihre Tochter zu Weihnachten nackt in Engelsflügel oder benutzen das pausbäckige Gesichtchen ihres Nachwuchses als eigenes Profilfoto. In Diskussionsforen wird beispielsweise die Meinung vertreten, auf der Straße könnten ja auch Fremde die Kinder sehen. Oder: "Früher hat man halt die Kinderalben rumgereicht."

Schon klar: Überstolze Eltern, die ihre Kinder zum Fotografen schleppten (siehe oben!) oder die Bilder - wahlweise auch Dias und Super-8-Filme - jedem zeigten, der sie sehen und nicht sehen wollte, gab es schon immer.

Aber während Eltern entscheiden konnten, wer das Album in die Hand bekommt, ist das im Internet kaum kontrollierbar - vor allem nicht korrigierbar. "Man muss sich über zwei Dinge klar sein: Es gibt keine absolut sichere Möglichkeit, Bilder im Netz zu veröffentlichen. Und das Internet vergisst nichts. Selbst wenn man Fotos löscht, bleiben sie irgendwo gespeichert, oder jemand hat sie bereits kopiert", sagt Bolte.

"Man gibt die Fotos aus der Hand." Bei vielen Eltern, aber auch Kindern, mit denen er zu tun hat, herrsche diesbezüglich aber "Gleichgültigkeit aus Unwissen".

Wer sich dennoch dafür entscheidet, Fotos seiner Kinder ins Netz zu stellen, sollte sich laut Experten folgende Fragen stellen: "Könnte es meinem Kind schaden, wenn dieses Bild in 20 Jahren immer noch abrufbar ist?" - "Was antworte ich meinem Kind auf die Frage ,Warum hast du diese Bilder von mir ins Netz gestellt?"?"- "Ist es für mich tragbar, dass die Fotos im schlimmsten Fall auf dem Rechner von Fremden landen?"

Vielleicht hilft es auch , sich vorzustellen, welche eigenen Kinderbilder man niemals im Netz finden wollte. Zum Beispiel die Kommunionbilder vom örtlichen Fotografen?

 
     
Top